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ich traue mich nicht - dieses Gefühl deutet oft darauf hin, dass wir auf dem richtigen Weg sind

Point of No Return – die Angst überlisten

von Katharina Mathea

„Ich glaube ich traue mich nicht.“

Das Wasser tost in der kleinen Schlucht unter uns. Mein Canyoning Guide Ingo ist voll fokussiert darauf, die Absicherungsseile zu befestigen und hört mich nicht. 

„Es soll erst jemand anderes gehen.“ Ich versuche etwas lauter, mich aus dieser brenzligen Situation zu befreien. 

Nun sieht er mich an. Er ist fertig und kommt die zwei Schritte zu mir herüber. „Los geht’s“ sagt er und will mich an meinem Geschirr packen, um mich in Position zu bringen. 

„Ich traue mich nicht!“ sage ich laut und mit Nachdruck, damit er kapiert, dass ich mich auf gar keinen Fall rückwärts diese Felswand hinunterlassen werde. 

„Es ging doch vorher auch“ sagt Ingo. Tatsächlich hatten wir an einem niedrigeren Fels die Technik bereits ausprobiert. Doch das hier ist etwas ganz anderes. Dieser Abgrund geht gefühlte 20 Meter in die Tiefe – realistisch vermutlich 6 bis 7 Meter.

Ich kann den Verlauf der Wand von hier oben nicht sehen . Ich nehme nur war, dass sie glitschig ist, dass die Höhe ausreicht, um sich bei einem Sturz sicher das Genick zu brechen, und dass mich unten das Ende eines tosenden Wasserfalls mit eisigem Bergwasser erwartet.

Ingo setzt nach: “ Du wirst Dich trauen müssen, denn es gibt keinen Weg drumrum.“ Das sitzt.

Ich schlucke und betrachte das Geschirr, welches ich um Hüfte und Beine trage. An einigen Stellen wurde es bereits ausgebessert. Die Schlaufe am Bauch, an der nun der Karabiner mit dem Abstiegsseil befestigt ist, wird nur mit Nähten an meinem Gürtel gehalten. Viele dicke Nähte, aber wie soll ich vertrauen, dass sie halten? 

Einen Moment lang plappert mein innerer Wächter vor sich hin, kontrolliert mein Denken und meinen Körper. Ich will weg. 

Ingo zieht am Seil und versichert mir: „Das hält 800 Kilo!“

Ich überspiele meine Angst und frage nach, wie ich um die Ecke, an den richtigen Felsvorsprung komme.

Er wiederholt die Anweisungen, die er uns schon beim letzten Ablassen gegeben hat: „Du musst Dich richtig ins Seil hängen, die Füße im 90 Grad Winkel zum Körper und Dich mit den Füßen am Fels nach unten tasten. Du musst Dich hier richtig nach hinten lehnen, denn der Stein ist glitschig und Du rutscht sonst ab.“

Ok, jetzt fallen mir keine weiteren Aufschiebetaktiken mehr ein. Hinter mir warten die anderen Teilnehmer in unkomfortabler Position, nur auf einem dünnen Felsvorsprung stehend. Es gibt kein Zurück.

Und dann mache ich, was ich in meinem Leben schon ein paar Mal getan habe: Ich handel, obwohl ich Angst habe. Ich drehe mich um, lass mich ins Seil hängen und meinen Körper die richtigen Bewegungen ausführen, während Ingo mich von oben langsam Stück für Stück herunterlässt.

Schon nach ein bis zwei Metern merke ich, dass es einfacher ist als ich dachte, und ich dem rettenden Boden bereits erfreulich näher komme. Ich hänge sitzend an der Wand, die Beine als Abstandshalter, und taste nach dem nächsten sicheren Schritt. Das Seil hält mich. Mein untrainierter Körper weiß was er tut. Ich komme heil unten an.

Ich fühle ich mich noch leicht zitterig während ich den Karabinerhaken auffriemel, um mich vom Seil zu befreien. Doch schon macht sich noch ein anderes Gefühl bemerkbar: Erleichterung und Freude.

Ich steige ein paar Meter durch den Bergbach, um aus der Abseilzone zu gelangen und schaue nach oben, wo die anderen stehen. Wow, da bin ich runter!! Ich bin stolz und glücklich.

Oben ist nun meine Tochter an der Reihe. Sie macht die gleichen Gefühle durch wie ich gerade eben. Sie hat Angst.

Ich signalisiere ihr von unten, dass der Abstieg super ist und sie keine Angst haben braucht. Gleichzeitig weiß ich, dass ihr das nicht hilft. Sie muss sich genauso überwinden wie ich es eben getan habe.

Ich bekomme nicht genau mit, was oben vor sich geht, aber irgendwann hebt Ingo sie mit einem beherzten Griff an die Wand. Sie hängt sich ins Seil… und tastet mit den Füßen… sie kann’s.

Irgendwann kurz vor dem Boden rutschen ihre Füße ab und sie schwingt gegen die Felswand. Ihre Hand schnellt sofort nach vorne, um sich abzufangen. Sie wird einen blauen Flecken am Handrücken davontragen.

Doch als sie wieder auf beiden Beinen steht, sich vom Seil befreit hat und ich sie in die Arme schließen kann, trägt sie bereits ein großes Grinsen auf dem Gesicht. Wir haben es geschafft! Uns was getraut. Trotz unserer Angst sind wir diese Wand runter und sicher unten angekommen.

Ich wünsche mir, dass sie sich an diesen Moment erinnern kann, wenn sie wiedereinmal vor einer Herausforderung steht und ihr Sicherheitsinstinkt mit ihr die Flucht ergreifen will. Dass sie sich an das tolle Gefühle erinnert, welches die Bewältigung mit sich brachte und an den Moment, indem sie die Gedanken einfach ausgeschaltet und gehandelt hat.


An diesem Tag war es mein Guide Ingo, der mir klarmachte, dass es kein Ausweichen gibt. Bei anderen Dingen die mir wichtig sind, mich aber gewaltig herausfordern, erschaffe ich diesen point of no return immer mal wieder für mich selber: Ich sorge für Tatsachen, die mich zum Handeln zwingen, obwohl ich eine Heidenangst habe.

Die wichtigsten Situationen waren bisher:

Die Entscheidung für mein erstes Kind, als ich mit 21 schwanger wurde.

Der Aufbruch nach Fehmarn, wo ich auf einem Musikfestival den Mann finden wollte, in den ich mich unsterblich verliebt hatte, um dem völlig Ahnungslosen meine Liebe zu gestehen (Heute sind wir verheiratet).

Die Anmietung einer eigenen Praxis, die mich zwang, das Marketing für meine Selbständigkeit als Coach richtig ernst zu nehmen.

Und meine Zusage, einen Workshop an der Hochschule zu halten, welcher mein Einstieg in die Arbeit mit Gruppen sein sollte.

Jedesmal erreichte ich vorher den Punkt, an dem ich dachte ich traue mich nicht – an dem mich die Angst zu scheitern völlig lähmte, mir übel wurde und nichts mehr ging.

Jedesmal ging ich trotzdem einen Schritt weiter.

Oft gab es einen Guide oder Freund, der mir gut zuredete. Manchmal musste ich das für mich selber tun. 

Die umwerfendsten Dinge in meinem Leben – Liebe, Familie, berufliche Erfüllung – haben mir alle zuerst eine RIESEN Angst gemacht.

Ich glaube nicht, dass alles Gute im Leben so hart zu haben ist, aber in meinem Fall kamen die wertvollsten Dinge in Form einer echten Herausforderung.

Wenn es etwas gibt, das ich wirklich wirklich will, lasse ich mich heute von keiner Angst mehr abhalten. Ich bin zu gespannt auf das tolle Gefühl hinterher 😉

Kennst Du ähnliche Situationen? Gibt es momentan etwas in Deinem Leben, was Dir Angst einjagt und Dich gleichzeitig so sehr reizt, dass Du es nicht aus dem Kopf bekommst?

Teile es mit uns in den Kommentaren!

Herzlich,

Katharina Mathea

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